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Es
war einmal vor vielen Jahren auf dem MS Gera, als die Sonne den
Bootsmann Siggi Schlubbe durch das Bullei gar fürchterlich an der Nase
kitzelte. Die Gera war auf der langen Rückreise von Madras nach
Stettin. Die Stimmung der ganzen Mannschaft war wie immer kurz vor der
Ostsee, in Erwartung von „Schniff“ und „Horch“, nicht besonders
euphorisch. Aber das nur nebenbei. Schlimmer war die Sonne, sie hätte
sich lieber an diesem Tage hinter dicken Wolken verstecken sollen.
Dreimal drehte sich der Bootsmann noch ächzend in seiner Molle und
stand dann genervt und missmutig auf. Das bevorstehende Frühstück
konnte ihn nach der etwas kurz geratenen Katzenwäsche doch ein wenig
versöhnlicher stimmen. Gähnend stapfte er auf seinem morgendlichen
Rundgang an den Aufbauten vorbei nach Mittschiffs. Eine ganze Woche lang
hat seine Deckbesatzung auf den Knien rutschend das Deck vom Roste
befreit und ein frisches Frühlingsgrün aufgetragen. So trat er also
aus dem Schatten der Aufbauten auf seine grüne Wiese, um stolz auf das
Werk seiner fleißigen Truppe zu blicken.
Doch plötzlich ging ein dumpfes Rütteln durch das Schiff.
Selbst der letzte Schläfer sprang irritiert aus seiner Koje. Siggi
Schlubbe stand wie vom Blitz getroffen und traute seinen Augen nicht.
Eine Welt schien zusammenbrechen zu wollen. Die Wut kroch erst langsam
doch dann mit unbändiger Gewalt in alle seine sieben Sinne. „Das
Schwein kriege ich!“, quetschte er zwischen seinen knirschenden Zähnen
hervor, bevor er kehrt machte und im Sturmschritt zu den Mannschaftsräumen
eilte. "Wer
war das?!", polterte er die verdutzte Gang an. "In einer halben Stunde hat
Derjenige sich gemeldet, oder es passiert ein Unglück!" Und schon war er
unterwegs, um die passenden Strafmaßnahmen mit dem Kapitän
auszuhandeln. Kapitän
Seidler hörte sich die bootsmännische Leidensgeschichte noch etwas
verschlafen an, was mit Sicherheit einen positiven Einfluss auf das
bevorstehende Ergebnis hatte. Dann erhob er sich gemächlich und ging
zum Fenster. Tatsächlich es war, wie der Bootsmann es geschildert
hatte. Trotzdem konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, was den
Bootsmann nur noch wilder machte. „Gut!“ sagte Kapitän Seidler, was
nicht hieß, dass das gut sei, sondern es war der Beginn seiner Rede zum
Bootsmann: „Sie machen den Übeltäter ausfindig, und sollte sich
keiner freiwillig melden, so werden wir um 10 Uhr alle an Deck antreten
lassen und die entscheidende Frage stellen“. Der Käpt`n kannte seine
Mannschaft, darum fügte er hinzu: „Sagen sie der Mannschaft, falls
sich keiner meldet, dann fällt die Feier heute aus!“ Es war der 1.
Mai. Ein Ausfall des ersten Teiles hätte sicher keinerlei Emotionen berührt,
aber der Ausfall der Feier mit WBS und schon etwas bitterem Hafenbräu,
das war schon eine ernstzunehmende Drohung.
Und so brach das Donnerwetter über die erschütterte Mannschaft
herein. Keiner war es, alle hatten dieses mal wirklich ein reines
Gewissen. Und melden konnte sich auch keiner, denn der Übeltäter
schlief seelenruhig und träumte von saftigen Wiesen und Rindern mit
vollen Eutern köstlicher kühler Milch. Am
Vorabend des wichtigsten Feiertages der Welt in der DDR saß die "Wirtschaft"
wie oft in geselliger Runde und lies die Becher kreisen. Die Köche
Peter Podzimski und Lieschen Müller, der Bäcker Hartmut Matern und die
Stewardessen Bärbel Hartmann, Bruni Podzimski und Gabi Kaysen saßen
mit einigen anderen Zechern beim WBS, welcher zu Kujampel verfeinert
wurde. Zu vorgerückter Stunde, die Stimmung war mit Sicherheit bereits
bei 6000m angelangt, eine Höhe,
wo der Sauerstoff langsam dünn wird und sich Euphorie einstellt, hatte
unser Teigkneter nach einer ausgiebigen Diskussion über die
Deckserneuerung eine grandiose Idee, welche er vorerst aber für sich
behielt. Früh um 3 Uhr muss das arme „Bäcker-Schwein“ aber schon in
die Kombüse, um Brot und Brötchen für das Frühstück zu backen. Auf
dem Wege in seine Backstube stolperte er förmlich über einen Topf mit
weißer Farbe, und sofort dachte er an die Idee vor Stunden. Das fatale
Werk war bald geschafft. Mit künstlerischem Geschick werkelte er eine
Weile und betrachtete dann wohlwollend und verschmitzt die geschaffene
Herrlichkeit. Genüsslich setzte er sich auf einen Niedergang und
betrachtete die grüne Wiese mit den nun blühenden weißen Gänseblümchen.
Eine Kuh müsste ich noch machen, dachte er, aber die Zeit drängte und
die Mannschaft wollte Ihre Brötchen pünktlich. Der Bäcker geht
schlafen wenn die Mannschaft aufsteht. Das war dann auch der Grund, das
sich kein Übeltäter melden konnte. Doch um 10 Uhr war es vorbei mit
seiner Ruhe. "Alle raus an Deck antreten!" Verschlafen zieht er sich an
und stolpert zu den anderen, die schon auf der Gänseblümchenwiese
stehen und hinter vorgehaltener Hand wiehern. Es will nicht der nötige
Ernst aufkommen. Inzwischen hat sich die freundlich frische Gänseblümchenwiese
auf dem heimwärts laufenden „Frühlingsfrachter“ mit lachenden, fröhlichen
Menschen gefüllt, die nur noch ihre Fete retten mussten, um den Tag
perfekt ausklingen zu lassen. Der Bäcker ahnte aber noch nichts, obwohl
ihm beim Anblick der Blümchen ein schlimmer Verdacht überkam. Er
konnte sich jetzt schon denken, dass dies keine Maidemonstration war,
wozu man ihn unsanft aus seiner Koje geklopft hatte. Maul halten und
durch, waren wohl so seine Gedanken. „Antreten!“, donnerte der
Bootsmann zornig. Kaum stand die Mannschaft, der Kapitän war noch im
Anmarsch, als der Bootsmann ganz rote Ohren vor Aufregung bekam. Alle
blickten gebannt in die Richtung, die den Bootsmann erstarren lies. „Bäcker,
du Schweinehund!“ brach es aus ihm heraus, und er stürmte auf den
verdatterten zu. Der bis ins Mark erschütterte Bäcker kam überhaupt
nicht zum Denken, hob beide Arme und bekannte sich spontan zu der
frevelhaften Tat. Jetzt bemerkten es auch die anderen, und ein ohrenbetäubendes
Gelächter schallte über das Deck, gerade als der Kapitän eintraf. Der
Bäcker hatte sich bei etwas Hafenbräu-verklärtem Blick versehentlich
auch die Schuhspitzen weiß angestrichen
und war so eine leichte Beute für die Adleraugen des Bootsmanns. Am
Abend erschien Hartmut, der Bäcker, mit einem Kasten Bier und zwei WBS
und verkündete nicht ohne Stolz, „Ich hatte nur keine Zeit mehr, um
euch noch eine Kuh auf die Wiese zu stellen“. Und zum Bootsmann gewandt
bemerkte er: „Du musst ganz still sein, oder wer hat dem Koch heimlich
die Kammer blau angestrichen und Sterne an die Decke gemalt?“. Und so
ging es weiter bis die Bauchmuskeln schmerzten. Und solange sie nicht
gestorben sind, lachen sie noch heute bei jedem Treffen über die alten
wahren Seemannsgeschichten. Dem
Bootsmann Siggi Schlubbe frei nacherzählt |